Positionspapier: „Zukunft Rettungsdienst: Quo vadis, Berufsbild?“

Positionspapier: „Zukunft Rettungsdienst: Quo vadis, Berufsbild?“

Welche Anforderungen müssen Sanitäter:innen erfüllen, um den aktuellen und künftigen Herausforderungen im Sinne einer patient:innen orientierten und bedarfsgerechten Versorgung zu entsprechen? Wie lässt sich daraus ein neues, attraktives Berufsbild für Sanitäter:innen entwickeln?

Im Rahmen des seit Jahresbeginn 2020 monatlich stattfindenden Forums Zukunft Rettungsdienst befassen sich Sanitäter:innen aus ganz Österreich organisationsübergreifend mit den oben genannten Fragestellungen und verfolgen das Ziel, die Weiterentwicklung und Professionalisierung des Rettungsdienstes mitzugestalten.

Wir halten eine grundlegende Veränderungen des Rettungsdienstes für notwendig, um angesichts bestehender und zukünftiger Herausforderungen eine hochwertige Versorgung gewährleisten zu können. Die Herausforderungen sind vielfältig und weitreichend und umfassen folgende Aspekte:

  • demographische Verschiebung der Altersstruktur in Österreich hin zu Älteren und eine damit einhergehende, erwartbare deutliche Zunahme von (Notfall-)Patient:innen, die den Rettungsdienst beanspruchen
  • Veränderung der Einsatzindikationen weg von Unfällen und Verletzungen hin zu internistischen Erkrankungen und chronischen Verläufen, bedingt durch gestiegene Sicherheitsstandards und die Folgen einer Wohlstandsgesellschaft
  • kontinuierlich steigendes Fahrtenaufkommen in den Rettungsorganisationen, vor allem im Kranken-, aber auch im Rettungstransport
  • Die Interventionsstrategie des Rettungsdienstes ist hauptsächlich auf Hospitalisierung ausgerichtet. Dadurch kommt es häufig vor, dass Regionen über einen längeren Zeitraum ohne Rettungsmittel bleiben
  • eine Vielzahl chronisch kranker, multimorbider Notfallpatient:innen
  • „Drehtürpatient:innen“, die den Rettungsdienst in steigender Frequenz beanspruchen
  • Rückgang flächendeckender Versorgung durch niedergelassene Allgemeinmediziner:innen
  • Über- und Fehlbeanspruchung von Sonderrettungsmitteln aufgrund mangelnder Verfügbarkeit von Hausärzt:innen und des geringen Ausbildungsstandes der Sanitäter:innen

  • steigende Zahl von Patient:innen mit sozialen bzw. psychosozialen Problemen und Anliegen, wie zum Beispiel Einsamkeit, Obdachlosigkeit, Überforderung pflegender Angehöriger, Abhängigkeit, psychische Erkrankungen

  • die als gesundheitliche Ungleichheit beschriebene strukturelle Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund, Arbeitslose, etc.

  • Zivildienermangel aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge und steigender Anzahl von untauglichen Zivildienern, der hohe Kosten für die Rettungsorganisationen verursacht

  • Veränderung im Engagement vieler Freiwilliger, die ihre Tätigkeit kürzer ausüben

  • drohender Personalmangel im Rettungsdienst

  • Die derzeitige gesetzliche Regelung, insbesondere auch durch neun verschiedene Landesrettungsgesetze, sorgt für ein uneinheitliches Versorgungsbild, was die Ausbildungsstufe der Besatzung, die Ausstattung und die Vorgangsweise der Rettungsdienste betrifft.

  • tatsächliche Ausbildungsdauer, Inhalte sowie Kriterien für den Einsatz im Rettungs- oder Krankentransport variieren je nach österreichischer Region bzw. Organisation

 

Unserer Ansicht nach braucht es aus den folgenden Gründen eine umfangreiche Auseinandersetzung mit anschließender Etablierung eines Berufsbildes Sanitäter:in:

  • International führten umfangreiche Bestrebungen zur Professionalisierung im Bereich des Rettungsdienstes und schließlich zur Schaffung eines etablierten Berufsbildes (Deutschland, Schweiz, Ungarn, Tschechische Rep., Großbritannien, USA)

  • Es hat sich eine wissenschaftliche Disziplin zur Erforschung des Rettungsdienstes etabliert, in der Österreich kaum eine Rolle spielt

  • Die gewerkschaftliche Vertretung der Interessen der Sanitäter:innen ist je nach Organisation und Bundesland unterschiedlich. Teilweise sind sie auch in anderen Berufsgruppen inbegriffen, was eine koordinierte Vertretung zusätzlich erschwert

  • Gesundheitsberufe, insbesondere die Pflege, haben sich in den letzten Jahren stark professionalisiert

  • Eine rasche und professionelle Versorgung von Patient:innen führt zu einer Verbesserung des Behandlungsverlaufs und damit zu einer Kostenreduktion im Gesundheitswesen.

  • Unabhängig vom Status (ehrenamtlich, beruflich, Zivildiener) wird dieselbe Verantwortung und Professionalität von Sanitäter:innen im Einsatz erwartet. Der Rettungsdienst bleibt aber der einzige Tätigkeitsbereich im Gesundheitswesen, bei dem keinerlei Unterschied zwischen der Art des Engagements gemacht wird und bei dem je nach Ort und Tageszeit unterschiedliche Helfer zur Verfügung stehen. Fehlende Anerkennung, der regelmäßige Zivildienerwechsel und Veränderungen im Ehrenamtlichen Engagement führen zusätzlich zu einer hohen Personalfluktuation.

  • Sanitäter*innen in Österreich neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen, überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht zu erkennen und das Ausmaß ihrer Inkompetenz nicht richtig einzuschätzen. Allerdings bestünde die Chance, durch Bildung und Übung nicht nur die Kompetenz zu steigern, sondern auch eine bessere Selbsteinschätzung zu erreichen

 

Aus den genannten Gründen erachten wir die Schaffung eines Berufsbildes für Sanitäter:innen in Österreich für unbedingt notwendig. Diese soll umgesetzt werden durch:

  • die Schaffung einer mehrjährigen Ausbildung zur Sanitäter:in

  • die Etablierung organisationsunabhängiger österreichweiter Ausbildungsinstitutionen

  • eine duale Ausbildung bestehend aus theoretischem Fachwissen, klinischer Praxis, Rettungspraxis auf Basis des Nationalen Qualifikationsrahmens

  • eine Ausbildung auf Basis evidenzbasierter Standards nach internationalem Vorbild

  • die Anwendung innovativer didaktischer Methoden wie Simulationstraining, Blended-Learning, Kompetenzfeldentwicklung, Professionelle Entwicklung

  • innovative, interdisziplinäre Ausbildungskonzepte, wie die gemeinsame Ausbildung von Gesundheitsberufen und spätere Spezialisierung als Sanitäter:in

  • die Möglichkeit für bestehende Sanitäter:innen, im Rahmen einer Übergangszeit das erforderliche Ausbildungsniveau zu erlangen

  • die Anerkennung der Sanitäter:innen als Gesundheitsberuf und Aufnahme in das Gesundheitsberuferegister

  • die Durchlässigkeit hin zu anderen Gesundheitsberufen und Arbeitsbereichen (innerklinisch sowie in der Primärversorgung)

  • die Schaffung von Berufspfaden und Entwicklungsmöglichkeiten als Sanitäter:in

  • die Etablierung einer einheitlichen, gewerkschaftlichen Standesvertretung

  • die Bereitstellung von Mitteln zur Forschung in den Bereichen Versorgung, Qualität und Weiterentwicklung im Rettungsdienst

  • den gezielten Einsatz von Ehrenamtlichen in den Bereichen First-Responder, Ambulanzdienst, Katastrophendienst sowie Krankentransport und bei assistierenden Tätigkeiten im Rettungsdienst

 

Dadurch kann gewährleistet werden, dass sich in Zukunft junge Menschen für den attraktiven Beruf Sanitäter:in entscheiden, Entwicklungspotentiale entstehen und langfristig Menschen für den Gesundheits-, Pflege und Sozialbereich gewonnen werden. Die wichtige Diskussion um den künftigen Einsatz der ehrenamtlich engagierten Personen in Rettungsorganisationen erfordert eine sachliche und objektive Herangehensweise, bei der das Wohl der Patient:innen im Vordergrund steht. Modelle aus europäischen Ländern zeigen, dass die Arbeit von ehrenamtlich engagierten Personen weiterhin eine bedeutende Rolle spielen wird.