12 Mai Warum wir bei der Pflegekrise den Rettungsdienst dringend mitdenken müssen
Linz, 12.5.2026
Wenn derzeit über die Pflegekrise diskutiert wird, ist das Bild immer gleich: zu wenige Pflegekräfte, eine alternde Bevölkerung, zu wenig Ausbildungsplätze. All das ist richtig, aber ein zentraler Teil des Versorgungssystems kommt in diesen Debatten nicht vor: der Rettungsdienst.
Im Rettungsdienst sehen wir genau das, worüber in der Pflege alarmiert diskutiert wird: extrem hohe Fluktuation, hohe körperliche und psychische Belastung, fehlende Entwicklungsperspektiven und ein System, das Menschen eher hinaus- als hineinbegleitet. Viele gut ausgebildete, hoch motivierte Kolleg:innen bleiben nur zwei bis vier Jahre und verschwinden dann aus dem System. Jährlich verlieren wir tausende Mitarbeiter:innen, von denen ein relevanter Teil für Pflege- und andere Gesundheitsberufe geeignet und offen wäre. Sie kennen Schichtdienst, den Umgang mit älteren, multimorbiden Patient:innen, Teamarbeit und Zeitdruck. Genau jene Kompetenzen, die dringend gebraucht werden.
Doch anstatt dieses Potenzial strategisch zu nutzen, ist der Rettungsdienst in Österreich strukturell als Sackgasse angelegt. Sanitäter:innen gelten mangels Ausbildungsmöglichkeiten als angelernte Hilfskräfte, nach einer Ausbildungsschiene zur gehobenen Gesundheitsfachkraft sucht man in diesem Bereich in Österreich vergeblich. Ausbildungsinhalte lassen sich nicht für andere Gesundheitsberufe anrechnen, ihre Kompetenzen können sie in anderen Gesundheitseinrichtungen (z.B. Notaufnahmen, Primärversorgungszentren etc.) außerhalb des Rettungsdienstes nicht einbringen, definierte Übergänge in andere Gesundheitsberufe fehlen. Wer den Rettungsdienst verlässt, beginnt beruflich wieder bei Null und kehrt dem Gesundheitswesen daher meist ganz den Rücken.
Diese fehlende Professionalisierung und fehlende Durchlässigkeit sollten wir uns in Zeiten der Pflegekrise nicht länger leisten. Wir investieren jedes Jahr in die Ausbildung von Rettungsdienstmitarbeiter:innen, um sie dann ohne Anschlussoptionen zu verlieren. Gleichzeitig werden mit viel Aufwand „neue Zielgruppen“ für die Pflege gesucht. Naheliegender wäre, zuerst jene mitzudenken, die schon heute mitten im System stehen.
Aus unserer Sicht braucht es drei Schritte:
- Eine Reform des Sanitätergesetzes mit einem gestuften Ausbildungsmodell, vom Einstieg für Zivildiener, Freiwillige und Berufsanfänger:innen bis hin zu einer mehrjährigen Ausbildung auf FH-Niveau. Das schafft klare Karrierewege, sorgt für höhere Versorgungsqualität, macht den Beruf langfristig attraktiv und erleichtert den Wechsel in andere Gesundheitsbereiche.
- Verbindliche Bildungsbrücken, etwa in Form anrechenbarer Module und Übergangsprogramme von der Sanitätsausbildung in Pflege- und Gesundheitsstudiengänge, damit Erfahrung und Kompetenz im System bleiben
- Gemeinsame Personalplanung von Rettungsdienst, Pflege und anderen Gesundheitsberufen, statt isolierter Silos und Konkurrenz um dieselben Menschen.
Solange der Rettungsdienst in pflegepolitischen Debatten nicht vorkommt, wird Österreich an einer der wenigen Stellschrauben vorbeiplanen, die kurzfristig und mittelfristig große Wirkung hätten. Wer die Pflege sichern will, muss den Rettungsdienst mitdenken.